Bildung
4 - Die angeborene Einsicht
Die Einsicht wird von innen aber nicht nur bedroht. Die Einsicht - die Be-reitschaft und das starke Verlangen nach ihr - ist uns zu gleich auch ange-boren. Diese angeborene Einsicht des (kleinen) Menschen wird aber bald gebrochen. Der kleine Mensch erfährt immer mehr die Diskrepanz zwischen dem Gesehenen und dem Gesagten und muss diese Diskrepanz mit psychi-schem Aufwand überbrücken. Am Ende steht der übliche Zyniker da, den wir nur deswegen nicht als solchen wahrnehmen, weil der Zynismus den ganzen Allgemeinkonsens und damit auch unseren Kopf restlos durchdringt. Dieje-nigen, die durch Zufall - z. B. durch ein Elternhaus wo sie nicht aufgeklärt wurden - einsichtig bleiben, zählen als 'kindisch naiv' und müssen später unter Mühen und Enttäuschungen 'die Realität der Welt' lernen. Das Leben der Anderen vergeht mit dem typischen dauernden Rechnen - „das sagt er, dies meint er” - die Werbung, die Geschäftspartner, die Kollegen - alle werden dauernd eingeschätzt, was sie 'eigentlich' wollen. Wenn Joshua von Nazareth von seinen Schülern forderte, „Ihr sollt werden wie die Kinder”, dann meinte er genau diesen Zustand vor dem Brechen ihrer Einsicht. Die-ser Bruch entsteht durch die Uneinsichtigkeit der Umwelt. Wir können es so sehen, dass die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Einsicht bei einer großen Zahl von Menschen da wäre, sich aber durch die Uneinsichtigkeit der be-stehenden Welt nicht entfalten kann. Vielmehr entsteht dieses Konglomerat, in dem wir leben, in dem wir dauernd schauen müssen, dass wir nicht betro-gen werden - die Welt des 'demokratischen Lauerns'. Der Zustand pendelt sich quasi auf einem ziemlich niedrigen Niveau ein, das vom Zustand der Mehrheit vorgegeben wird, und die Potenzen werden nicht ausagiert.
Um das Phänomen wieder in einen zeitlichen 'Kontext' zu setzen, um mal ein Wort 'im Trend' zu benützen, können wir die Sache so betrachten, dass, wie der mittelalterliche und altertümliche Mensch an seinem Körper bedroht und auch vielfach schwerstens beeinträchtigt war, sind wir an unserer Psyche und an unserer Einsicht bedroht und ebenfalls schwerstens beeinträchtigt. Und diese sind auch in einem dementsprechenden, verletzten Zustand. Beden-ken wir! - noch Bach - und das war schon lange kein Mittelalter mehr - musste sich im Straßenverkehr mit der Waffe wehren - was zu gleich be-sagt, dass er auch bewaffnet herumgehen musste. Dieser Vorfall ist zu gleich ein Beweis, dass wir es schon viel besser haben - wir können weit-gehend unbewaffnet herumgehen - aber zu gleich können wir die Analogie sehen, dass wir dafür psychisch bewaffnet herumlaufen, um uns gegen die ohne Unterlass auf uns einströmende psychische und mentale Gewalt in Form von Manipulation und Lüge zu wehren. Menschen einer einsichtigen Welt, die in einer gewissen Reinheit leben werden, werden auf dieses dauernde abweh-rende mentale Gelauere und an diesen mentalen 'Schmutz' angewidert zu-rückdenken.
Durch eine normative Bildung zur Einsicht könnte man dies bewusst machen, wodurch die 'vergessene Schönheit der Welt' wieder zu einem gewissen Grad zur Erinnerung gerufen würde, was sehr viel dabei helfen würde, sich einsichtiger zu verhalten.
Im Gespräch mit zwei Teilnehmerinnen meiner Kurse unabhängig von ein-ander kam dieses Thema ans Tageslicht. Die eine beschäftigt sich im Beruf mit Kindern. Sie erzählte, mit welcher Begeisterung und Elan die Kinder bei der Sache sind, und was für ein schönes Erlebnis das sei. - Diese Kinder sind ca. 6-7 Jahre alt. Ich interpretiere dies als die Auswirkung der angebo-renen Bereitschaft zur Einsicht. Der Mensch will mit aller Kraft mit dem Ge-sehenen und auch Gesagten in Einklang sein, und innerhalb dieses Sys-tems sachgemäß und konstruktiv handeln. Die andere Teilnehmerin sprach von sich selbst, wie sie aus dieser jugendlichen Einsicht alles ernst nahm was ihr gesagt wurde, wie sie kämpfte, um vernünftige Lösungen bei Ämtern durchzusetzen - wie sie quasi dagegen kämpfte, zu resignieren, und was für eine Enttäuschung und innere Arbeit es für sie war, von verschiedenen Auto-ritäten zwischen Kirche und Ämtern bei ihr ankommende uneinsichtsbela-dene Impulse zu verarbeiten.
Zu gleich zeigt diese Erscheinung auch die Größe des Stoffes, die ich schon erwähnt habe. Ich sagte, die Einsicht sei ein riesiges System mit unzähligen Manifestationen, die an unzähligen Stellen wirken. Allein dieser kleinere Teil-punkt, wo, an welchen Behauptungen, von wem, durch welche Aktionen, die den jungen Menschen treffen, in welchen Lebensjahren die Einsicht ungültig 'gemacht' wird, wie sich dieser Mechanismus abspielt und auswirkt, würde schon eine größere Studie darstellen.






