Der Umgang der Menschen untereinander
Die Einsicht ist - zunächst - generell mit einer bedeutend erhöhten inneren Verarbeitung verbunden.
So ist ein einsichtiger Mensch neben dem in der instinktiven Welt üblichen Zentriertsein auf seine eigene Person, fähig, in einen anderen hineinzuse-hen, sein Gegenüber zu repräsentieren. Er kann so viel verarbeiten, dass er außer seinem Eigenen auch das des Gegenübers und der anderen generell repräsentieren kann. Sie/er reicht über sich selbst hinaus.
Ich erlebe es heute so, dass die Menschen an der Grenze ihres Eigenen die stählerne Rollade heruntergezogen halten, und das, was sich darüber hinaus befindet, ausschließen - das existiert praktisch nicht... Nicht so in einem ein-sichtigen Umgang: Da wird der andere gesehen, sein Anliegen wird erblickt, dort reicht der konstruktive 'Wirkungswille' über die eigenen Grenzen hinaus, dort gehen die Menschen auf die anderen ein und sie sind generell 'hilfs-bereit', d. h. einfach 'a priori' förderlich eingestellt. Unter einsichtigen Men-schen würde man sehen, dass der andere ein Anliegen hat - da ja jeder ein Anliegen hat - heute versucht man dies möglichst diskret zu übersehen - das ist eben das Prinzip der 'eisernen Rollade'. Unter Einsichtigen tut man alles, um diesem Anliegen leicht zu entsprechen, ohne die heute wiederum vielfach geübte 'demonstrative' Aufdringlichkeit bei 'Hilfsbereitschaft'.
Durch diese Fokussiertheit psychischer Energie bekommt der Mensch eine Energieladung, wie wir es heute vielleicht nur in der Welt des Reichtums finden. Wie wenn man heute in ein teures Hotel geht. - Dort wird einem tatsächlich jeder Wunsch 'von den Augen abgelesen', dort ist man 'wichtig'. Ungefähr so ist das Verhältnis zwischen einsichtigen Menschen. In diesem Bild ist die erhöhte Seinsladung der Einsicht zwar irgendwo schon beinhal-tet, es fehlt allerdings ein anderer Kardinalfaktor der Einsicht - die Güte. In dieser 'Welt des (heutigen) Reichtums' wird einem jeder Wunsch nur 'von den Augen gelesen', wenn dafür 'Geld' zu erwarten ist. Also zählt der eigene 'Wunsch' und nicht der des Gegenübers. Sonst fliegt man schnell auf die Straße und ist 'down and out'. Und wenn der Mensch dann gebrochen da ste-hen mag, und dann einer kommt und fragt, 'Was brauchst du?' und hilft, dann können wir wissen, dass diese/r Eine derjenige war, der wirklich Einsicht - eben in diesen Mitmenschen und in seine Not - hat und der wirklich reich ist. Einsicht bedeutet - das können wir hier vorwegnehmen - großen Reichtum - Seinsreichtum. Und dieser Reichtum produziert die Güte, jene förderliche Einstellung allem Lebendigen gegenüber, und erst recht Men-schen gegenüber.
Diese Einstellung - die Aufladung mit Wert und Wichtigkeit in den Augen der anderen und in den eigenen Augen - ergäbe einen Grad von Menschen-würde, wie wir es heute praktisch nicht kennen. In jeder Transaktion würde sich der Transaktionspartner den Hals brechen, um dem Anliegen dieses Menschen mit allen Mitteln zu entsprechen - und dabei doch locker bleiben. Als wäre, in einer früheren Terminologie gesagt, jeder ein 'großer Herr', dessen 'Wunsch Befehl' sei - obwohl 'Befehl' in einer einsichtigen Gesell-schaft ein altertümlicher Begriff außer Gebrauch sein wird, wie z. B. »Frey-ung« heute. Und, um Missverständnisse zu vermeiden soll klargestellt wer-den: Einsicht ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Die Sache kann nur auf der Grundlage von Gegenseitigkeit funktionieren. Nur dann kann das tragen-de Kraftfeld entstehen.
All dies geht klarerweise mit der analytisch/dynamischen Fähigkeit einher, alle Pervertierungen und Lügen in diesem Ablauf zu durchschauen und zu vermeiden, die darin bestehen, scheinbar förderlich zu sein, in Wahrheit aber versuchen, Profit aus der Angelegenheit zu schlagen - so die 'aufdringliche Hilfsbereitschaft', bei der man alles sieht, nur das Gegenüber nicht, und die nur stattfindet, um Überlegenheit herauszuholen oder Stärke zu demon-strieren oder moralinsaure 'Gutheit' zu zeigen oder im Sinne von 'Helfer-syndrom' das Eigene zu vernachlässigen. Man sollte eben auch den 'gesun-den Egoismus' üben. Weiter, noch schlimmer wäre der 'gewöhnliche Raub' unter dem Vorwand, Einsicht beim Gegenüber zu erwarten... - Viel hochde-taillierte, große Datenmengen handhabende Verarbeitung wird bei alledem verlangt...
Wenn sich viele einsichtig verhalten, dann induziert das ein Kraftfeld, das große seelische Energien produziert, die helfen, quasi 'noch' einsichtiger zu sein. Gehen wir nur eine Stufe zurück, in andere, vordemokratische Gesell-schaften, schauen wir an, wieviele Leute nach Europa streben, wie para-diesisch für sie das Leben hier erscheint und auch ist. Ungefähr so wäre es für uns, in eine einsichtige Gesellschaft zu kommen und die Wohltaten die-ses Kraftfeldes zu spüren.






